Teichmüller-Edition

- Gustav Teichmüller (Photo aus dem Nachlass, Universitätsbibliothek Basel)
Gustav Teichmüller (1832-1888) war ein bedeutender Vertreter des Personalismus. Er studierte Philosophie vor allem bei Adolf Trendelenburg in Berlin, daneben eine ungewöhnliche Vielzahl anderer Fächer von der Theologie bis zu den Naturwissenschaften. 1868-71 war er Ordinarius für Philosophie in Basel und wechselte dann aus wirtschaftlichen Gründen an die Kaiserliche Universität zu Dorpat/Tartu in Estland. Zur Vorbereitung seiner eigenen Philosophie betrieb er jahrzehntelang in erster Linie philosophiegeschichtliche Studien, darunter die Studien zur Geschichte der Begriffe (1874) und die Neuen Studien zur Geschichte der Begriffe (1876, 1878, 1879). In den 1880er Jahren entwickelte er in seinen drei aufeinander aufbauenden systematischen Hauptwerken (Die wirkliche und die scheinbare Welt – Neue Grundlegung der Metaphysik, 1882, Religionsphilosophie, 1886, Neue Grundlegung der Psychologie und Logik, postum 1889) eine anti-idealistische und anti-materialistische Philosophie der menschlichen Person. In einer Philosophie des Christenthums wollte Teichmüller nachweisen, dass sein Personalismus die philosophische Essenz des Christentums verkörperte, was ihm aber wegen seines zu frühen Todes aufgrund von Magenkrebs versagt blieb.
In methodischer Hinsicht sah Teichmüller die Aufgabe der Philosophie darin, die in jedem Menschen zumindest unbewusst vorhandenen Ideen ans Licht zu heben, mit dem Ziel, ihren richtigen ‚Ort’ in einem zeitlosen ‚Netz’ aller Begriffe zu bestimmen, welches der Struktur der wirklichen Welt entspreche. Die Philosophie entdecke somit keine neuen Wahrheiten, sondern könne nur zur Klarheit bringen, was das ‚natürliche Denken der Menschheit’ bereits in ‚unreiner Form, gleichsam als Erz’ kenne und besitze. Sofern es sich nicht um einzelne Gebiete der Erkenntnis, sondern um ‚ganze Weltauffassungen’ handele, kämen als Material der Philosophie nur die Religionen in Frage. Aus diesem Grund schenkte Teichmüller dem philosophischen Gehalt der Religionen eine aussergewöhnliche, seinerzeit vielleicht sogar einzigartige Aufmerksamkeit, und suchte ihn nicht nur in dogmatischen Texten, sondern in allen Arten religiöser Ausdrucksformen und Handlungen zu ermitteln.
Teichmüller wurde in zahlreichen Ländern rezipiert und beeinflusste besonders die russische Philosophie. Sein Konzept des Perspektivismus wirkte auch auf seinen Basler Kollegen Friedrich Nietzsche.
Die Edition hat das Ziel, Teichmüllers beziehungsreiche und anspruchsvolle Schriften durch Einleitungen und Stellenkommentare zu erschliessen. Es sollen auch wichtige Stücke seines wissenschaftlichen Nachlasses, der 1949 aus Polen in die Universitätsbibliothek Basel gelangte, herausgegeben werden. Der Nachlass enthält zahlreiche Manuskripte von Vorlesungen, Vorträgen und Entwürfen sowie eine umfangreiche internationale Korrespondenz. Im ersten Editionsabschnitt wird seit Oktober 2008 eine kommentierte Ausgabe der drei systematischen Hauptwerke Teichmüllers mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds vorbereitet. Sie soll unter dem Titel Gustav Teichmüller – Gesammelte Schriften, Bde. 1-3, im Schwabe Verlag Basel erscheinen (Bd. 1: Die wirkliche und die scheinbare Welt – Neue Grundlegung der Metaphysik; Bd. 2: Religionsphilosophie; Bd. 3: Neue Grundlegung der Psychologie und Logik; Erscheinungsjahr aller drei Bände voraussichtlich 2012).
Die Edition wird geleitet von Dr. Dr. Heiner Schwenke, Mitarbeiter sind Nico Fehlbaum, B.A., und Ann-Kathrin Seyffer, stud. theol.
Kontakt
Dr. Dr. Heiner Schwenke
Teichmüller-Edition
Theologische Fakultät
Nadelberg 10
4051 Basel
Heiner.Schwenke-at-unibas.ch


